Alles andere als gewöhnliches Gitarrenspiel

Sein Schlag auf den Gitarrenkorpus klingt beinahe so satt wie der Bass einer Cajon. Petteri Sariola holt mehr aus seinem Instrument raus, als die meisten seiner Kollegen. Er verlässt sich auf die Klang- und Geräuschmöglichkeiten der akustischen Gitarre. Und kommt damit dem Unmöglichen sehr nahe: Ohne die Unterstützung andere Musiker und Instrumente den Sound einer vollbesetzten Band zu erzeugen.

Sariolas Auftritt war der krönende Abschluss eines Abends und eines Festivals, das wohl nicht nur Gitarrenliebhaber in Begeisterung versetzt hat. Zum 16. Mal veranstaltete die Jugend- und Kunstschule am vergangenen Wochenende das Dresdener Gitarrenfest. Nachdem der Club „Passage“ zu eng geworden war, fand das dreitägige Fest dieses Jahr im Sparkassenforum am Altermarkt statt. Zu groß waren die neuen Räumlichkeiten nicht. Die rund hundert Plätze im Konzertsaal waren fast alle besetzt.

Thomas Leeb machte den Anfang. Sein erstes Stück, „Desert Pirate“, begann mit einer mitreißenden Perkussion-Sequenz im Dreivierteltakt, die er auf seinen Gitarrenbauch trommelte. Ohne die rhythmische Begleitung abzubrechen, spielte Leeb dann eine eingängige Melodie, variierte diese und unterlegte sie mit Akkorden. Welcher musikalischen Stilrichtung die Stücke des gebürtigen Klagenfurters mit der Wahlheimat Los Angeles angehören, kann er selbst nicht sagen. „Ich bin ein musikalischer Bastard, der die üblichen musikalischen Kategorien vermischt“, gestand er vor einigen Jahren dem österreichischen Tibel Kurier. An diesem Abend spielte Leeb vor allem Folk- und Rockstücke: Melodiös, rhythmisch vertrackt und mit äußerst virtuoser Spieltechnik.

Die Pause bot Gelegenheit, die im Foyer ausgestellten Instrumente einiger Gitarrenbauer auszuprobieren. Wer sein Traumstück hier fand, durfte allerdings nicht mit all zu kleinem Geldbeutel angereist sein. Die meisten der handgearbeiteten Instrumente waren nicht unter 2000 Euro zu haben.

Dann standen Susan und Martin Weinert auf der Bühne. Leider zogen sich ihre traumwandlerischen Kompositionen etwas in die Länge. Überzeugen konnte das Duo allerdings durch sein erfahrenes Zusammenspiel. In dem Song „Double Or Nothing“ variierten Martin Weinert am Kontrabass und Susan Weinert an der Gitarre Lautstärke und Tempo punktgenau. Susan Weinerts Improvisationen erinnerten in Phrasierung und Melodieführung stark an Pat Methenys
weitverzweigte Sololinien. Manchmal wünschte man sich perkussive Unterstützung: Ein Schlagzeug hätte die Spannungsbögen der Stücke noch deutlicher zum Vorschein gebracht.

Sariola war der jüngste Musiker des Abends. Der 24-jährige Finne, der mit der Platte „Silence“ debütierte und mit „Phases“ schon sein zweites Album auf dem Markt hat, startete mit dem Titel „Release“. In Sachen Energie und Ausdruck war das Stück vergleichbar mit der legendären Interpretation des Dylan Klassikers „All Along The Watchtowers“ durch die Dave Matthews Band. Soviel Power – und das völlig alleine. Mit ähnlich großer Virtuosität wie Leeb setzte auch Sariola verschiedenste Spieltechniken ein: Die Zupftechnik der klassischen Gitarristen, das aus dem Heavy Metal kommende „Tapping“, die Slaptechnik der Bassisten. Ein wahrer Hörgenuss waren auch die lupenrein gespielten Flageolett-Töne: Während der perkussiven und harmonischen Explosionen ließ Sariola in atemberaubender Geschwindigkeit diese feinen, schimmernden Töne aufblitzen, die dem Klang zweier Weingläser beim Anstoßen ähneln.

Das Publikum war begeistert. Zwei Zugaben gab es, eine davon ein unverstärktes Duo mit Leeb. Man kann nur hoffen, dass die Gitarrenfeste der kommenden Jahre weiter wachsen und weiter die jungen Talente der Akustik-Szene nach Dresden holen werden.

Max Lebsanft