Es ist kein Spaß
Wirklich nicht. Aber es ist interessant, spannend, mitreißend, hin und wieder langweilig, auch anstrengend und nervtötend so viele Filme wie möglich beim DOK-Festival Leipzig sehen zu wollen (DOK twittert auch). Und am Ende des Tages ist der angestrengte Journalist auch leidlich gaga, ein bisschen wirr im Kopf. Darum hier nur eine stakkatohafte Zusammenfassung der vergangenen zwei Tage:
Entspannte Anreise am Dienstag. Intensiver Sprühregen auf dem Weg zur Akkreditierung. Es gibt einen Stoffbeutel, auf dem steht I love DOK. Darin ein dickes Programm und viele bisher ungelesene Zettel. Er wird in der wasserdichten Tasche verstaut. Passage Kinos. Animadok. Dokumentarfilme als Animation oder vermischt mit Elementen der Animation. Mein Favorit “Slaves” von Hanna Heilborn und David Aronowitsch. Zwei Kinder, ein neunjähriges Mädchen und ein 15-jähriger Junge erzählen von ihrer Zeit als Sklaven im Sudan, der Ermordung ihrer Eltern, ihren Träumen für die Zukunft. Einfache, klare Zeichnungen, bewegende Geschichte.
Kurzer Ausflug ins Mediacenter. Zweiter Stock im Museum für Zeitgenössische Kunst. Die Treppen sind zahlreich und steil. Kurzatmiges Betrachten von Filmen aus der Reihe “Neue Deutsche Animation”. “I know you” von Gudrun Krebitz gefällt mir. Schlingernde, sich ständig bewegende Striche, eine irgendwie gestörte Frau. Interessant. Der Rest des ersten Teils bleibt nicht haften. Ich langweile mich ein bisschen.
Cinestar, Kino 5: Eröffnung der Reihe “This is Africa”. Festivalleiter Claas Danielsen spricht zur Eröffnung. Er macht einen gestressten und zugleich ehrlich frohen Eindruck. Wahrscheinlich ist das Festival wie eine erfolgreiche Geburt, nur dass die Schwangerschaft fast ein Jahr dauert. Danielsen erzählt, dass der Kurator des Programms Matthias Heeder bis vor sehr kurzer Zeit im Sudan verschollen war. Mit der Kamera begleiteten er und sein Team eine Karawane durch die Wüste – Kamele auf dem Weg zur Schlachtbank. Dummerweise brach die Achse ihres Jeeps und es dauerte geraume Zeit bis jemand das nächste Telefon erreichte, um in Deutschland anzurufen. Nun ist soweit aber alles gut. This is Africa, kurz T.i.A., beginnt mit einem Dokumentarfilm über Frauen, die sich organisieren, weil ihre Männer und Söhne umgekommen sind beim Versuch mit ihren Jollen nach Europa überzusetzen. “Alles für die Zwiebel” erinnert beinahe an eine Dokusoap. Ein Zwiebelbauer will seine Tochter erst nach der Zwiebelernte heiraten lassen. Unaufdringliche, heitere Gesellschaftsstudie. Bin begeistert.
Kino 8: “The Genome Chronicles” – schöne Bilder, Tod des Bruders verarbeitet, Text sehr verschwurbelt, wenig verstanden. “Chemo” – ambulante Station für Chemotherapie in einem Warschauer Krankenhaus. Die Patienen in nahen Nahaufnahmen ein Jahr lang belauscht bei ihren Gesprächen während die Chemie in ihre Venen fließt. Eines der Mitglieder des Drehteams ist während des Drehs an Krebs verstorben. Traurig. Nicht so der Film.
Eigentlich sollte da, und der Vorsatz war fest wie die Mauer noch die Generation Dok folgen. Aber nachdem sich ihr Beginn um eine halbe Stunde nach Hinten verschiebt, entscheide ich mich für den wohlverdienten Schlaf.
Mittwoch: Dafür gleich zur Einstimmung Generation Dok. “Book of Miri” – eine Bloggerin auf der Suche nach einer Identität. Sehr wortkarg aber schön fotografiert. Miri hat ein beneidenswertes Gespür für schöne Klamotten. Ich glaub, ich hab sie auch kurz auf einer Treppe gesehen. Werde noch einmal Ausschau halten und sie dann fragen, wie sie das macht. Nach dem Dreh hat sie sich für ein Kunststudium beworben, vorher war sie Bibliothekarin.
Warten auf Claas Daniels. Er gibt mir ein ausführliches Interview. Nachzuhören ab Montag in diesem Blog. Nachzulesen in der Zeitung.
Mediacenter. Ich entscheide mich für “Berlin Stettin”, der parallel auch im Kino läuft – aber die Zeit rennt. Filmemacher Volker Koepp reist auf besagter Strecke durch seine eigene Biographie und die Geschichte seiner Filme. Die Leute mögen ihn. Erzählen von früheren Begegnungen. Man fühlt sich fast wie ein Voyeur, so privat wirkt das manchmal. Sehr sympatischer Auftritt von Fritzi Haberlandt, die sich ein Haus auf dem Lande gekauft hat und versucht, die Alteingesessenen nicht durch vorlautes Gehabe zu verärgern. Danach “17. August” – russischer Knast, ein Tag im Leben eines Lebenslänglichen. Schrecklich. Nicht der Film, sondern die Langeweile, der schleichende Wahnsinn, die Gespräche mit Gott, die Liegestütze, das klatschen der Flipflops, das Tigern in der Zelle, das Warten auf den Tod und die Einsamkeit. Zerrt an den Nerven.
Geräderter Marsch zurück ins Kino: T.i.A. Teil Zwei. Ich bin ehrlich: Ich gucke nur “Nightlodgers” – zwei ehemalige Angestellte besuchen das ehemalige Grand Hotel, in dem sie einst arbeiteten. In dem runtergekommenen Gebäude leben mittlerweile keine Millionäre mehr. Die Menschen, die im Keller und in den einstigen Suiten leben, sind arm. Ein lärmender Mikrokosmos mit Swimmingpool.
Abschluss des Tages: “Träume der Lausitz”. Für mich endet die Weltpremiere beinahe als süße Träume im Kinosessel. Prima Imagekampagne für eben jenen Landstrich. Akkurat für mdr und rbb produziert. Streckenweise äußerst dröge und bemüht.
Am Sonnabend und Sonntag gehts weiter. Mein Favorit bisher: “Cooking History”. Warum müsst ihr schon selbst herausfinden. Das Festival dauert noch bis Sonntag.